Dr. Apfelthaler erklärt: ADHS bei Erwachsenen – Mythos oder Wirklichkeit?

Vom Chaos im Kopf zur klaren Diagnose – was Erwachsene über ADHS wissen sollten.

4 Minuten Lesezeit
OA Dr. med. univ. Ingo Apfelthaler, MSc - Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin in Grafenwörth

ADHS – viele verbinden damit unruhige Kinder, die im Unterricht stören. Doch die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung betrifft nicht nur junge Menschen. Immer mehr Erwachsene sind betroffen – oft ohne es zu wissen. Dr. Ingo Apfelthaler aus Krems erklärt, warum ADHS im Erwachsenenalter kein Mythos, sondern eine reale und häufig unterschätzte Diagnose ist.

Was ist ADHS überhaupt?

„ADHS ist eine Störung der neuronalen Entwicklung – also der Art, wie unser Gehirn funktioniert“, erklärt Dr. Apfelthaler. Sie betrifft Aufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, wobei sich die Symptome im Laufe des Lebens verändern können. „Bei Erwachsenen steht oft die Unaufmerksamkeit im Vordergrund, während die Hyperaktivität seltener auffällt“, so der Facharzt. Probleme zeigen sich dann eher in Form von Chaos im Alltag, Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation oder impulsiven Entscheidungen.

„ADHS wird häufig mit Depressionen, Angststörungen oder Persönlichkeitsstörungen verwechselt“

Dr. med. univ. Ingo Apfelthaler, MSc

Kein Kindersymptom

Ein weit verbreiteter Irrglaube ist, dass ADHS nur Kinder betrifft. „Das ist historisch bedingt. Im ICD-10, der internationalen Klassifikation von Krankheiten, ist ADHS nach wie vor im Kapitel für Kinder- und Jugendstörungen verortet“, sagt Dr. Ingo Apfelthaler. Dabei zeigt die Forschung: Etwa 5 Prozent der Erwachsenen leiden unter ADHS – etwa jeder Zwanzigste. „In einer Kleinstadt mit 5.000 Einwohnern sind das rund 250 Menschen“, rechnet er vor.

Dr. med. univ. Ingo Apfelthaler, MSc

Wie sich ADHS im Alltag zeigt

Im Berufsleben kämpfen Betroffene häufig mit Konzentrationsproblemen, Zeitmanagement und dem Erledigen von Aufgaben. In Beziehungen kann es zu Konflikten durch Impulsivität oder emotionale Überreaktionen kommen. Auch gesundheitlich kann ADHS Folgen haben: Von erhöhter Unfallgefahr über Substanzmissbrauch bis hin zu Depressionen.

Eine Herausforderung für die Diagnostik

Die Diagnose im Erwachsenenalter ist oft schwieriger als bei Kindern. Die Symptome sind subtiler, und es kommt häufiger zu Fehldiagnosen. Das Problem: Werden die Symptome nicht richtig erkannt, folgt eine falsche Behandlung – mit anhaltendem Leidensdruck.

Genetisch bedingt, gesellschaftlich verstärkt

ADHS beginnt oft schon im Mutterleib. Genetische Faktoren, Schwangerschaftskomplikationen oder toxische Einflüsse können die Entwicklung des Gehirns beeinflussen. Auch soziale Faktoren wie belastende Familienverhältnisse oder ein Mangel an elterlicher Fürsorge können ADHS-Symptome verstärken.

Trotz aller Schwierigkeiten: Viele ADHS-Betroffene zeigen besondere Talente. „Ich sehe in meiner Praxis oft kreative, neugierige und hoch empathische Menschen mit ADHS“, so Dr. Ingo Apfelthaler. Allerdings: Diese Stärken kommen meist erst dann voll zur Geltung, wenn die Symptome professionell behandelt werden.

Wie kann man ADHS behandeln?

Die Therapie ist in der Regel multimodal – sie kombiniert medikamentöse Behandlung, Psychotherapie, Coaching und gezielte Lebensstilveränderungen. Neben der medikamentösen Einstellung helfen kognitive Verhaltenstherapie, gesunde Ernährung, Bewegung, ausreichend Schlaf und ein effektives Stressmanagement. „ADHS ist gut behandelbar – wichtig ist nur, dass man es überhaupt erkennt und ernst nimmt“, betont der Facharzt.

Gesellschaftliche Vorurteile & Fazit

Noch immer wird ADHS im Erwachsenenalter oft als „Modediagnose“ belächelt. Dr. Ingo Apfelthaler sieht darin ein großes Problem: „Viele meiner Patientinnen und Patienten leiden seit Jahren – ohne je die richtige Diagnose erhalten zu haben.“ Dabei seien die Erfolge bei einer passenden Therapie oft rasch spürbar.

Der Facharzt plädiert für mehr Offenheit – auch innerhalb der Medizin: „Es braucht mehr Mut, ADHS im Erwachsenenalter zu diagnostizieren und zu behandeln. Die Lebensqualität der Betroffenen kann sich dadurch massiv verbessern.“

Artikel teilen