Damals betrat die junge Auszubildende zum ersten Mal die Station, auf der sie heute täglich arbeitet. Die Abläufe sind ihr noch fremd, die Fachbegriffe erst recht, und sie ahnt nicht, dass sie zwölf Jahre später genau diese Station leiten wird. Wenn diese junge Frau von damals heute durch die Tür träte, würde sie vor allem eines überraschen: dass der Aufstieg so schnell kam. Und dass sie immer noch in dem Team arbeitet, in dem sie einst ihre Abschlussprüfung abgelegt hat. Von der Schülerin zur Chefin, wie Lenja Spieker es selbst mit einem Lächeln beschreibt.
Heute leitet die gelernte Pflegefachkraft die Station für dialektisch-behaviorale Therapie, kurz DBT, am AMEOS Klinikum Osnabrück. DBT ist ein Behandlungskonzept für Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, die ihre Gefühle oft besonders stark erleben und nur schwer regulieren können. Der Weg vom ersten Ausbildungstag bis zur Stationsleitung ist für Frau Spieker mehr als ein Lebenslauf. Er zeigt, wie viel Karriere in der Pflege tatsächlich möglich ist, wenn jemand früh gefördert wird und den Mut hat, diesen Weg zu gehen.
Warum die Psychiatrie sie nie wieder losließ
Sie hätte in jeden Pflegebereich gehen können. Die Stationsleitung entschied sich für die Psychiatrie, weil sie die Krankheitsbilder von Anfang an spannend fand und weil ihr dort etwas begegnete, das sie in der somatischen, also der körperlich ausgerichteten Pflege, vermisst hatte: flachere Hierarchien. Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte arbeiten enger zusammen, die Wege sind kürzer, das Arbeiten fühlt sich für sie bis heute angenehmer an.
Geprägt hat sie dabei vor allem ein früherer Vorgesetzter, ihr damaliger Stationsleiter Theo Sommer. Er förderte sie früh in Richtung Führung und zeigte ihr, wie wichtig es ist, für den eigenen Beruf und für die Mitarbeitenden im Team einzustehen. Als Lenja Spieker selbst in die Leitung ging, war sie zunächst unsicher, ob sie mit Ende zwanzig und vergleichsweise wenig Berufserfahrung ernst genommen würde. Rückhalt gaben ihr die damalige Pflegedienstleitung und der Pflegedirektor. Heute ist sie dankbar, diesen Schritt so früh gegangen zu sein.
Führung, die nah am Team bleibt
Wie geht eine Stationsleitung mit einem Patienten um, der mitten in einer akuten Krise vor ihr steht? „Ich bleibe erstmal ruhig und versuche, das Problem zu verstehen“, sagt Frau Spieker. Sie validiert viel, nimmt also die Gefühle der betroffenen Person ernst, und kommuniziert klar, welche Optionen jetzt bestehen. Wenn möglich, gibt sie danach Wege mit, damit die Person die nächste Krise vielleicht schon selbst meistern kann. Ein gutes Gefühl sei es, eine Krise gemeinsam gelöst zu haben.
Diese Haltung prägt auch ihren Führungsstil. Sie kennt die Station aus zwei Perspektiven, als Berufsanfängerin und als Chefin, und genau das formt ihre Art zu führen. „Ich möchte authentisch und klar sein“, sagt sie, eine Balance zwischen humorvoller Kollegialität und einer klaren Richtung, die sie vorgibt. Ihre Mitarbeitenden sollen mit Anliegen zu ihr kommen können, denn wer nicht weiß, wo die Kolleginnen und Kollegen stehen, kann sie auch nicht abholen. Den Satz, eine Leitung gehöre nicht mehr zum Team, kann sie jedenfalls nicht bestätigen.
An harten Diensten hilft ihr vor allem eines: ruhig bleiben, sich Unterstützung holen, wenn sie nötig ist, und mit den Kolleginnen und Kollegen reden, wenn etwas beschäftigt. So bleiben die Dinge auf der Station und wandern nicht mit nach Hause.
Karriere in der Pflege: mehr als ein Klischee
„In der Pflege kann man keine Karriere machen“ hält sich hartnäckig als Satz. Der Werdegang von Lenja Spieker erzählt eine andere Geschichte. Wer am AMEOS Klinikum Osnabrück mit einer Ausbildung beginnt, kann sich in Richtung Leitung oder Spezialisierung wie der DBT-Therapie weiterentwickeln, wenn Interesse und Einsatz da sind.
Auch dem Vorurteil, Psychiatrie-Pflege sei nur Reden und nichts Handfestes, widerspricht die Stationsleitung deutlich. Kommunikation sei etwas sehr Wertvolles. Nur durch Gespräche lasse sich Menschen helfen, ihren Selbstwert zu steigern, belastende Erfahrungen aus der Vergangenheit aufzuarbeiten und ihr Leben wieder lebenswerter zu gestalten. Das sei weit mehr als ein bloßes Reden.
Wer neu auf die DBT-Station kommt, darf im ersten Jahr vor allem beobachten und lernen. Das Behandlungskonzept ist umfangreich, niemand muss es sofort vollständig beherrschen. Schritt für Schritt geht es in Gespräche und Gruppen, bis die ersten eigenen Patientinnen und Patienten in der sogenannten Bezugspflege dazukommen, also der festen Betreuung durch eine feste Ansprechperson. Richtig aufgehoben ist hier, wer eine validierende Grundhaltung mitbringt, empathisch ist und gerne im Team arbeitet, denn ohne verlässliche Kolleginnen und Kollegen funktioniert DBT nicht.
Hinter jedem schwierigen Verhalten steckt ein innerer Leidensdruck, den es zu verstehen gilt.
Lenja Spieker, Pflegefachkraft & Stationsleitung DBT-Station am AMEOS Klinikum Osnabrück
Manche sagen, eine Borderline-Station sei zu hart, da halte auf Dauer niemand durch. Die Leitung widerspricht, versteht aber den Gedanken dahinter. Entscheidend sei ein Team, das eng im Austausch steht und auf Augenhöhe arbeitet, dazu das Wissen, dass hinter jedem schwierigen Verhalten der Betroffenen ein innerer Leidensdruck steckt, den es zu verstehen gilt. Wer sich eine Bewerbung wegen der Intensität der Station nicht zutraut, dem rät sie, sich das Ganze erst einmal in Ruhe anzuschauen. Niemand erwartet, dass jemand von Anfang an alles kann. Eine engmaschige Einarbeitung begleitet neue Mitarbeitende auch über die reguläre Einarbeitungszeit hinaus.
Warum verlassen so viele Pflegekräfte ihren Beruf? Sie vermutet, dass der Fachkräftemangel die Belastung, körperlich wie psychisch, spürbar erhöht hat. Am AMEOS Klinikum Osnabrück erlebt sie dagegen, dass Anliegen bei Vorgesetzten ernst genommen werden und die Kommunikation transparent bleibt. Genau das mache für sie den Unterschied.
Was als Nächstes kommt
Für die Zukunft ihrer Station hat sie klare Ziele. Ihre Kolleginnen und Kollegen sollen auf dem aktuellen Stand der DBT-Behandlung bleiben, mit mehr Wissen und Sicherheit im Umgang mit den Themen geschlechtliche Vielfalt und Transidentität. Vor allem aber will sie die gute Atmosphäre im Team erhalten und ihre Mitarbeitenden weiter fördern, so wie einst Theo Sommer sie gefördert hat.
Nach einem schweren Dienst holen sie Familie, Freunde, Musik, Sport an der frischen Luft oder ein entspannter Abend auf dem Sofa zurück ins Private. Und was ihr Team über sie sagen würde, das man ihr auf den ersten Blick nicht ansieht? Dass sie ihre Verantwortung trägt, ohne sie zur Schau zu stellen, und ihre Arbeit mit einer Leichtigkeit macht, die man ihrer Position nicht sofort zutraut.
Wenn Lenja Spieker der jungen Frau von 2014 heute einen Satz mitgeben könnte, wäre es dieser: „Bleib, wie du bist.“

