Stephan Denecke leitet die Station für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Im Gespräch erklärt er, warum körperliche Beschwerden und seelische Belastungen gemeinsam betrachtet werden müssen, welche Warnsignale viele Menschen übersehen und was die Arbeit am AMEOS Klinikum Osnabrück für ihn besonders macht.
Müdigkeit, Schlafprobleme, Schmerzen oder Magenbeschwerden werden häufig zunächst ausschließlich körperlich betrachtet. Doch nicht immer lässt sich eine eindeutige organische Ursache finden. Für Betroffene beginnt dann oft eine lange und belastende Suche nach Antworten. In der Psychosomatischen Medizin geht es darum, körperliche Symptome ernst zu nehmen und gleichzeitig mögliche seelische Belastungen in die Behandlung einzubeziehen.
Stephan Denecke, Pflegerischer Leiter der Station für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am AMEOS Klinikum Osnabrück, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der engen Verbindung zwischen Körper und Seele. Seit mehr als 28 Jahren arbeitet er bereits im Haus. Die Leitung übernahm er im Jahr 2017. „Ich war an den Menschen hinter den Symptomen interessiert und bin es bis heute“, sagt Denecke. Zuvor arbeitete er in der Gerontopsychiatrie und begleitete Menschen mit Demenz. Der Wechsel war für ihn sowohl eine neue Herausforderung als auch eine konsequente Weiterentwicklung seines bisherigen beruflichen Weges.
Ein ungewöhnlicher Start in der Psychiatrie
An seinen ersten Tag am AMEOS Klinikum Osnabrück erinnert sich der Stationsleiter bis heute. Zum damaligen Zeitpunkt war ihm nicht bewusst, dass er sich für eine Ausbildung in einer psychiatrischen Einrichtung beworben hatte. „Es gab damals noch kein Internet. Ich habe versucht, meine Überraschung und meine Unwissenheit zu verbergen, was mir vermutlich nicht vollständig gelungen ist“, erzählt Denecke mit einem Lächeln. Zum Abschied erhielt er ein ausgedientes Lehrbuch über psychiatrische Pflege. Trotz dieses unerwarteten Einstiegs entstand sofort Begeisterung für die Arbeit. Die besondere Kultur und die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten sind bis heute wichtige Gründe für seine langjährige Verbundenheit mit dem Haus. „Ich fühle mich hier einfach wohl. Ich komme jeden Tag gerne zum Dienst. Von Beginn an hatte ich das Gefühl, dass ich mich beteiligen, eigene Ideen einbringen und Dinge mitgestalten kann.“
Beschwerden sind real, auch ohne eindeutigen Organbefund
Viele Patientinnen und Patienten, die in der Psychosomatik behandelt werden, haben bereits zahlreiche Untersuchungen hinter sich. Häufig erleben sie, dass keine ausreichende körperliche Erklärung für ihre Beschwerden gefunden wird. Nicht selten entsteht dadurch das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Für Stephan Denecke ist deshalb eine vertrauensvolle Beziehung besonders wichtig. Betroffene müssten zunächst erleben, dass ihre Symptome anerkannt werden. „Die Schmerzen sind real. Sie sind nicht eingebildet. Allerdings können sie neben körperlichen Faktoren auch Ausdruck psychischer Belastungen oder seelischen Leidens sein.”
Körperliche Beschwerden sind real – auch wenn seelische Belastungen an ihrer Entstehung beteiligt sind.
Stephan Denecke, Pflegerischer Leiter der Station für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am AMEOS Klinikum Osnabrück
Ziel der Therapie sei es nicht, Beschwerden kleinzureden, sondern gemeinsam einen neuen Umgang mit ihnen zu entwickeln. Dazu gehören unter anderem Gespräche, Aufklärung über Zusammenhänge, Motivation und die aktive Beteiligung der Patientinnen und Patienten. Wie stark Körper und Psyche miteinander verbunden sein können, zeigte sich für den Mediziner bereits früh in seiner Arbeit. Eine junge Patientin wurde damals im Rollstuhl aufgenommen. Obwohl keine ausreichende körperliche Ursache vorlag, konnte sie weder selbstständig gehen noch sicher stehen. Nach ihrer Therapie verließ sie die Station zu Fuß. „Diese Entwicklung hat mein Verständnis der Psychosomatik nachhaltig geprägt.“
Der ganze Mensch steht im Mittelpunkt
Die Behandlung am AMEOS Klinikum Osnabrück erfolgt multiprofessionell. Pflegefachkräfte, Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen sowie weitere Berufsgruppen tauschen sich regelmäßig aus und betrachten die Situation der Betroffenen aus unterschiedlichen Perspektiven. “Wir erinnern uns gegenseitig daran, den ganzen Menschen zu sehen. Die ganzheitliche Betrachtung unserer Patientinnen und Patienten ist bei uns fest verankert”, so Denecke.
Diese Haltung prägt auch die Zusammenarbeit innerhalb des Teams. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen und unterschiedliche fachliche Einschätzungen offen besprochen. “Neue Kolleginnen und Kollegen merken sehr schnell, dass wir auf Augenhöhe miteinander arbeiten. Es besteht ein echtes Interesse am Menschen, sowohl an unseren Patientinnen und Patienten als auch aneinander”, sagt Stephan Denecke.
Warnsignale rechtzeitig erkennen
Psychische Überlastung kündigt sich häufig frühzeitig an. Die Signale können jedoch sehr unterschiedlich sein und werden im Alltag leicht verdrängt. Zu den möglichen Warnzeichen gehören anhaltende Müdigkeit, Schlafstörungen, Gereiztheit, Interessenverlust, sozialer Rückzug oder ein verändertes Essverhalten. Auch ein zunehmender Konsum von Alkohol oder anderen Substanzen kann auf eine starke Belastung hinweisen. Besonders kritisch sieht Denecke den weitverbreiteten Gedanken: Solange ich funktioniere, ist alles in Ordnung.
Dieser Satz kann gefährlich sein. Wer Frühwarnsignale dauerhaft missachtet, erreicht möglicherweise einen Punkt, an dem die Belastung kaum noch aufzufangen ist. Auch er selbst hat diese Erfahrung gemacht. In seinen letzten Jahren in der Gerontopsychiatrie nahm er seine eigene Überlastung lange Zeit nicht ernst genug. Gerade wenn man andere Menschen betreut, kann man nur dauerhaft für sie da sein, wenn man auch auf sich selbst achtet. Wer merkt, dass Stress oder seelische Belastungen körperliche Auswirkungen haben, sollte sich möglichst früh Unterstützung suchen. Ein erster Schritt könne darin bestehen, mit einer vertrauten Person offen über die eigene Situation zu sprechen. Auch Atemübungen oder Entspannungsverfahren können dabei helfen, die Zeit bis zu einer professionellen Behandlung zu überbrücken.
Mehr Verständnis
Noch immer wird der Begriff psychosomatisch von manchen Menschen mit eingebildeten Beschwerden gleichgesetzt. Denecke hält diese Vorstellung für überholt. Fast jeder kennt körperliche Reaktionen auf Stress. Einige Menschen bekommen vor einer wichtigen Prüfung Magen-Darm-Beschwerden. Auch diese Reaktion ist nicht eingebildet. Seiner Einschätzung nach wird der Einfluss seelischer Belastungen auf körperliche Erkrankungen und Schmerzen weiterhin unterschätzt. Körperliche und psychische Aspekte dürften daher nicht getrennt voneinander betrachtet werden.
Es geht nicht darum, normale Traurigkeit sofort zu einer Erkrankung zu erklären. Es geht darum, körperliche und seelische Zusammenhänge früh zu erkennen und Menschen mit ihren Beschwerden ernst zu nehmen. Digitale Angebote können dabei aus seiner Sicht eine sinnvolle Ergänzung sein, sofern sie fachlich fundiert und wissenschaftlich geprüft sind. Bei unkontrollierten Angeboten und dem Einsatz künstlicher Intelligenz in sensiblen psychischen Bereichen bleibt er hingegen zurückhaltend.
Optimismus als Leitgedanke
Auch in belastenden Situationen versucht Stephan Denecke, Ruhe und Zuversicht zu bewahren. In seinem Büro hängt ein Satz aus den Rheinischen Grundgesetzen: „Et hätt noch immer jot jejange.“ Für ihn bedeutet das nicht, Schwierigkeiten zu verdrängen. Vielmehr erinnert ihn der Satz daran, gelassen zu bleiben und nach Lösungen zu suchen. „Ich habe oft genug erlebt, dass es einen Ausweg gibt, auch wenn dieser im ersten Moment nicht sichtbar ist.“ Außerhalb der Klinik findet er seinen Ausgleich durch Sport, Kochen und Reisen. Ein aktives Leben hilft ihm dabei, nach emotional anspruchsvollen Arbeitstagen abzuschalten und neue Energie zu gewinnen.
Es geht nicht darum, normale Traurigkeit sofort zu einer Erkrankung zu erklären. Es geht darum, körperliche und seelische Zusammenhänge früh zu erkennen und Menschen mit ihren Beschwerden ernst zu nehmen. Digitale Angebote können dabei aus seiner Sicht eine sinnvolle Ergänzung sein, sofern sie fachlich fundiert und wissenschaftlich geprüft sind. Bei unkontrollierten Angeboten und dem Einsatz künstlicher Intelligenz in sensiblen psychischen Bereichen bleibt er hingegen zurückhaltend.
Entwicklungsmöglichkeiten und Verantwortung
Neben der Arbeit mit den Patientinnen und Patienten ist Denecke auch die Entwicklung neuer Kolleginnen und Kollegen wichtig. Nach einer fundierten Einarbeitung können Pflegefachkräfte früh Verantwortung in der Bezugspflege übernehmen und gemeinsam mit den behandelnden Therapeutinnen und Therapeuten die Betreuung einzelner Patientinnen und Patienten gestalten. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, eigene pflegerische Gruppen anzubieten, Teilprozesse zu verantworten oder sich für die Praxisanleitung von Auszubildenden zu qualifizieren. Auch eine spätere Entwicklung in Richtung Stationsleitung ist grundsätzlich möglich. Entscheidend sind für Stephan Denecke nicht das Alter oder die Anzahl der bisherigen Berufsjahre. Wichtiger seien Empathie, Offenheit, Toleranz und die Fähigkeit, das eigene Handeln zu reflektieren. Wer eine interessante und anspruchsvolle Aufgabe sucht, sich einbringen möchte und gerne in starken Teams arbeitet, findet bei uns viele Möglichkeiten. Gleichzeitig lernt man in der Psychosomatik nicht nur viel über andere Menschen, sondern auch über sich selbst.
Für die Zukunft hat der Pflegefachmann weiterhin viel vor. Aktuell beschäftigt ihn insbesondere die Entwicklung und Inbetriebnahme einer weiteren psychotherapeutischen Intensivstation. „Ich freue mich auf den nächsten Tag und auf das nächste Projekt. Auch nach so vielen Jahren gibt es hier immer noch Möglichkeiten, Neues zu gestalten.“
AMEOS Klinikum Osnabrück,
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

