Manchmal klingelt jemand an der Tür der Intensivstation, der Wochen zuvor selbst dort gelegen hat, und sagt nur einen Satz: Mir geht es wieder gut. Für Evelyn Reinecke sind das die Momente, die ihren Beruf ausmachen.
Zurück in die Heimat
Als die examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin 2021 auf der Intensivstation am AMEOS Klinikum Haldensleben anfing, war ihr das Arbeitsumfeld längst vertraut, weil sie zuvor an der Medizinischen Hochschule Hannover und danach auf der herzchirurgischen Intensivstation des Universitätsklinikums Magdeburg Erfahrung gesammelt hatte. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes suchte sie jedoch einen Neuanfang näher an der Familie.
„Mit zwei Kindern war es mir wichtig, im Ernstfall schnell bei meiner Familie sein zu können. Da ich in Haldensleben wohne, war das für mich der richtige Schritt. Und ich habe ihn nie bereut.“
Mit zwei Kindern war es mir wichtig, im Ernstfall schnell bei meiner Familie sein zu können. Da ich in Haldensleben wohne, war das für mich der richtige Schritt. Und ich habe ihn nie bereut.
Evelyn Reinecke, Gesundheits- und Krankenpflegerin am AMEOS Klinikum Haldensleben
Dass Schichtdienst und Familienalltag einander ausschließen, hat sie dabei nicht erlebt. Gemeinsam mit ihrem Mann organisiert sie die Woche um die Dienstzeiten herum, und die Dienstplanung nimmt auf persönliche Wünsche Rücksicht, soweit es geht. Den freien Vormittag unter der Woche empfindet sie sogar als Gewinn, weil dann Zeit für Sport, Termine oder Freunde bleibt. Einen klassischen Büroalltag könnte sie sich nach eigenen Worten nicht mehr vorstellen.
Weniger Patienten, dafür engere Begleitung
Auf der Intensivstation versorgt das Pflegeteam Menschen, die nach großen Operationen oder wegen schwerer Erkrankungen ununterbrochen überwacht werden müssen. Von außen wirkt diese Arbeit vor allem technisch, und tatsächlich bestimmen Monitore und Beatmungsgeräte den Raum. Entscheidend ist für Evelyn Reinecke trotzdem etwas anderes, nämlich der Betreuungsschlüssel: Während eine Pflegefachkraft auf einer Normalstation deutlich mehr Menschen gleichzeitig versorgt, bleibt hier Zeit für den Einzelnen.
Man betreut weniger Patienten, aber mit einem viel höheren Aufwand. Jeder braucht kontinuierliche Überwachung, Infusionen, Medikamente oder Beatmung. Man ist die ganze Zeit eng an seiner Seite.
Evelyn Reinecke, Gesundheits- und Krankenpflegerin
Wie weit diese Nähe geht, zeigt sich bei denen, die gar nicht antworten können. Wer sediert ist oder beatmet wird, bekommt trotzdem jeden Handgriff erklärt.
„Egal, ob jemand wach ist oder im Koma liegt, wir erklären jeden Handgriff. Niemand weiß genau, was Menschen in dieser Situation wahrnehmen. Deshalb behandeln wir sie genauso respektvoll wie jeden anderen Patienten auch.“
Wenn es schnell gehen muss, trägt das Team
Verschlechtert sich ein Zustand plötzlich oder wird eine Reanimation nötig, greifen festgelegte Abläufe: Die Ärztin oder der Arzt gibt die medizinischen Anweisungen, die Pflegenden setzen sie um, und im Anschluss geht die Station den Einsatz noch einmal durch. Was lief gut, was ließe sich verbessern? Diese Nachbesprechung gehört ebenso zum Alltag wie das Gespräch nach Einsätzen, die schwer im Magen liegen. Denn nicht jede Behandlung endet gut, und der Umgang mit dem Tod verlangt Professionalität genauso wie einen ehrlichen Blick auf die eigenen Gefühle.
„Natürlich nehme ich manche Situationen mit nach Hause. Besonders dann, wenn jüngere Menschen betroffen sind. Aber wir sprechen im Team darüber. Und ich finde meinen Ausgleich im Sport. Das hilft mir, Abstand zu gewinnen.“
Den Alltag trägt eine Zusammenarbeit, die die Intensivpflegerin als offen und unkompliziert beschreibt. Morgens geht die Frühschicht gemeinsam durch, welche Patienten kommen und welche Untersuchungen anstehen, sodass jeder weiß, worauf er sich einstellen muss.
Wer neu anfängt, fängt nicht allein an
Vor der Intensivstation haben viele Respekt, vor der Verantwortung ebenso wie vor beatmeten Patientinnen und Patienten. Diese Unsicherheit kann Frau Reinecke nachvollziehen, hält sie aber für unbegründet, weil niemand ins kalte Wasser geworfen wird: Neue Kolleginnen und Kollegen arbeiten sich über mehrere Monate strukturiert ein, und wer sich weiter spezialisieren möchte, kann die zweijährige Fachweiterbildung in Anästhesie- und Intensivpflege anschließen. Mitbringen sollte man aus ihrer Sicht vor allem Neugier und den Willen zu lernen, denn das Fachliche entwickelt sich im Arbeitsalltag. Niemand muss am ersten Tag alles können.
„Fragen zu stellen ist völlig normal, egal, ob jemand neu ist oder schon viele Jahre hier arbeitet. Es gibt niemanden, der sagt: Das müsstest du doch wissen. Wir helfen uns gegenseitig.“
Über Verstärkung freut sich die Station deshalb ausdrücklich: Wer offen ist, gern mit anderen zusammenarbeitet und bereit ist dazuzulernen, findet hier nach ihrer Erfahrung ein vielseitiges Arbeitsfeld.
Was am Ende bleibt, sind die Begegnungen. An den eigenen Aufenthalt erinnern sich viele gar nicht mehr, weil sie sediert oder beatmet waren. Umso mehr zählen für Evelyn Reinecke die, die nach Wochen oder Monaten zurückkommen und an der Stationstür klingeln. Dann, sagt sie, weiß sie wieder, warum sie diesen Beruf ausübt.

