Ketamintherapie in Wien: Neue Perspektiven bei Depression und Trauma

Dr. Claus Derganc und Dr. Fabian Unterhofer erklären, warum Ketamin mehr sein kann als nur ein rasch wirksames Medikament

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Dr. Fabian Unterhofer und Dr. Claus Derganc, Experten für ketamin-augmentierte Psychotherapie in Wien

Wenn herkömmliche Antidepressiva oder klassische Psychotherapie über lange Zeit nicht den gewünschten Effekt bringen, entsteht für Betroffene oft ein Gefühl von Stillstand und manchmal auch Verzweiflung. Genau hier rückt eine Behandlungsform zunehmend in den Fokus der modernen Medizin: die Ketamintherapie. Die ketamin-augmentierte Psychotherapie stellt einen Ansatz dar, bei dem klassische psychotherapeutische Methoden durch Ketamin erweitert und unterstützt werden.

Dr. Claus Derganc und Dr. Fabian Unterhofer aus Wien beschäftigen sich intensiv mit diesem Ansatz. Beide Ärzte absolvierten eine spezialisierte Ausbildung an der Mind Foundation in Berlin, einer international anerkannten Institution für psychedelisch-augmentierte Therapieverfahren. Diese Ausbildung vermittelt fundierte medizinische und psychotherapeutische Kompetenzen für die sichere und verantwortungsvolle Anwendung von Ketamin im therapeutischen Kontext.
Darüber hinaus sind Dr. Derganc und Dr. Unterhofer Gründungsmitglieder der APSTA – Association for Psychedelic Science and Therapy Austria (apsta.at), die sich für wissenschaftlich fundierte und ethisch verantwortungsvolle Standards in diesem Bereich einsetzt.

Sie betonen, dass Ketamin heute nicht als kurzfristige „Wunderlösung“ gesehen werden sollte, sondern als medizinisch kontrollierter Türöffner für tiefere therapeutische Prozesse.
Dr. Claus Derganc und Dr. Fabian Unterhofer erklären Ketamin im psychotherapeutischen Kontext als eine Behandlung, die einerseits rasch antidepressiv wirken kann und andererseits eine Phase erhöhter neurobiologischer Offenheit erzeugt. In diesem veränderten Bewusstseinszustand können Emotionen, Erinnerungen und innere Muster leichter zugänglich werden. Entscheidend sei aber: Nicht das Medikament allein bewirke nachhaltige Veränderungen. Im neu eröffneten Zentrum für augmentierte Therapie wird Ketamin vielmehr als „Fenster“ verstanden, das durch eine gezielte psychotherapeutische Begleitung vorbereitet, stabilisiert und integriert werden muss, damit der Effekt langfristig tragfähig bleibt. Genau diese Einbettung macht den Kern der ketamin-augmentierten Therapie aus.

Bewährte Anwendung

Am besten wissenschaftlich untersucht ist Ketamin aktuell bei der therapieresistenten Depression (TRD) – also dann, wenn mindestens zwei Therapieversuche keine ausreichende Besserung gebracht haben. In diesem Bereich zeigen sowohl intravenöse Ketamininfusionen als auch intranasales Esketamin konsistent schnelle Effekte auf depressive Symptome. Gleichzeitig weisen die Wiener Ärzte darauf hin, dass die Forschung auch bei anderen Erkrankungen zunehmend positive Ergebnisse liefert. Etwa bei Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), schweren Angststörungen oder Zwangserkrankungen. Auch bei bipolarer Depression wird Ketamin mittlerweile diskutiert. Allerdings nur mit sorgfältiger Stabilisierung und klarer fachärztlicher Kontrolle.

Ketamin ist kein Wundermittel, sondern ein medizinisch kontrollierter Türöffner für nachhaltige therapeutische Prozesse.

Warum wirkt es so schnell?

Im Gegensatz zu klassischen Antidepressiva, deren Wirkung oft erst nach Wochen spürbar wird, kann Ketamin bereits innerhalb weniger Stunden eine spürbare Erleichterung auslösen. Dr. Claus Derganc und Dr. Fabian Unterhofer führen das auf den besonderen Wirkmechanismus zurück: Ketamin greift in das glutamaterge System des Gehirns ein, blockiert NMDA-Rezeptoren und löst dadurch eine neuroplastische Kaskade aus. Dabei kommt es unter anderem zu einer Erhöhung von BDNF – einem Protein, das die Verbindung und Regeneration von Nervenzellen unterstützt. Dadurch können starre depressive Denkmuster aufgebrochen und neuronale Netzwerke schneller „neu organisiert“ werden.

Für wen geeignet?

Nicht jede Person kommt für eine Behandlung infrage. Dr. Claus Derganc und Dr. Fabian Unterhofer betonen, dass vor allem Menschen mit therapieresistenter unipolarer oder bipolarer Depression sowie Betroffene mit PTBS oder schweren Angst- und Zwangsstörungen profitieren können. Vor allem dann, wenn etablierte Möglichkeiten ausgeschöpft wurden. Gleichzeitig gibt es klare Ausschluss- und Risikogruppen: akute psychotische Erkrankungen, instabile manische Episoden oder schwere kardiovaskuläre Erkrankungen erfordern besondere Vorsicht oder schließen eine Behandlung aus. Auch Schwangerschaft, Stillzeit oder aktive Substanzabhängigkeit müssen streng abgeklärt werden. Voraussetzung sei immer eine gründliche Diagnostik inklusive EKG, Laborwerten, Medikamentencheck und sorgfältiger Risiko-Nutzen-Abwägung.

Augmentierte Therapie im geschützten Rahmen

Strukturierter Ablauf

Seriöse Zentren arbeiten laut den Wiener Ärzten in einem klaren dreiphasigen Modell. Zunächst erfolgt ein umfassendes medizinisches Screening sowie eine therapeutische Vorbereitung. In dieser Phase werden individuelle Ziele, Erwartungen und mögliche Risiken gemeinsam besprochen. Danach kommt es zur eigentlichen medikamentösen Sitzung in einem geschützten Rahmen, begleitet von Monitoring wie Blutdruck, Puls und Sauerstoffsättigung. Die Erfahrung dauert meist 60 Minuten und findet bewusst in einem Umfeld statt, das den therapeutischen Prozess unterstützt. Nach der Behandlung folgt die Integration. Ein strukturierter, psychotherapeutischer Schritt, der die Erkenntnisse und Emotionen in den Alltag übersetzen soll. Gerade diese Integrationsphase sei entscheidend, weil sie aus dem kurzfristigen Effekt eine langfristige Veränderung machen kann.

Wie viele Sitzungen sind notwendig?

Die Anzahl hängt stark von der Ausgangslage ab. Häufig werden bei therapieresistenter Depression Protokolle mit 4 bis 8 Anwendungen durchgeführt, meist im wöchentlichen Abstand. Einzelne Gaben wirken oft nur einige Tage, doch wiederholte Sitzungen in Kombination mit psychotherapeutischer Begleitung erhöhen die Chance auf nachhaltige Stabilisierung deutlich.

Rechtliche Lage in Österreich

Ketamin ist in Österreich und Deutschland als verschreibungspflichtiges Medikament zugelassen – primär für Anästhesie und Notfallmedizin. Die Anwendung bei Depression oder PTBS erfolgt daher meist off-label, ist jedoch medizinisch zulässig, wenn Aufklärung, Dokumentation und fachliche Standards eingehalten werden. Dr. Derganc und Dr. Unterhofer betonen, dass Ketamin nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, sondern unter das Arzneimittelgesetz und damit in einem klar regulierten Rahmen eingesetzt werden kann.

Realistische Erwartung

Zum Abschluss möchten die beiden Gründer des Zentrums für augmentierte Therapie Betroffenen vor allem eines mitgeben. Therapieresistente Verläufe bedeuten nicht, dass jemand „austherapiert“ ist oder selbst schuld an der Erkrankung wäre. Ketamin könne eine Chance sein, insbesondere im Rahmen einer seriös durchgeführten augmentierten Therapie, aber nur, wenn es verantwortungsvoll eingesetzt wird. Entscheidend sei die Wahl eines qualifizierten Zentrums, das keine Heilsversprechen macht, transparent über Risiken aufklärt und ein integriertes Konzept aus Vorbereitung, Behandlung und psychotherapeutischer Integration bietet. Denn Ketamin sei letztlich ein Werkzeug – ein starker Katalysator. Ob daraus eine echte und nachhaltige Veränderung entsteht, hängt davon ab, wie verantwortungsvoll dieser Prozess gestaltet wird.

Zentrum für Augmentierte Therapie

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